Montag, 22. Mai 2017

Die letzten Worte eines Buches: "Wir brauchen Milieu, um uns wohlzufühlen." (Peter M. Bode)

Bildertanz-Quelle:Lebensqualität, Verlag aspekte paper/1975 /Zusammenstellung: Raimund Vollmer

(Kommentar) Auf Facebook gab es gestern und auch noch heute eine zum Teil heftig geführte, aber auch humorvolle Diskussion um die architektonische Neugestaltung des alten Bruderhausgeländes und seiner Umgebung. Irgendwie halten die Freunde der vor allem durch Schachtelbauten definierten Architektur nichts von der Kritik an diesen Bauwerken. Und die Kritiker halten nichts von diesen Bauwerken. Mehr durch Zufall fiel mir heute morgen ein in meinem Bücherschrank verstecktes Büchlein aus dem Jahr 1975 in die Hände, das sich mit dem Thema "Lebensqualität" beschäftigt. Ganz am Ende dieses Buches stutzte ich, weil es mit dem Credo endete, das mir auch so in den letzten Tagen durch den Kopf ging: das Verschwinden des Begriffs Milieus durch den Begriff Quartier. Der Münchner Architekturkritiker beendet das von Uwe Schultz herausgegebene Taschenbuch mit dem Satz: "Wir brauchen Milieu, um uns wohlzufühlen." Ich glaube, dass dies irgendwie der rote Faden ist, der sich durch alles zieht, was wir hier im Bildertanz seit 2009 veröffentlicht haben. Milieu - das ist unsere große Sehnsucht. Es ist natürlich erschütternd zu sehen, dass ausgerechnet die Institution, der wir am stärksten in unserer Stadt die Entstehung eines Milieus anvertrauen, ein Gebäude an der Grenze zur Kernstadt errichtet hat, das diesem Wunsch am wenigsten gerecht wird: die GWG. Das ist jedenfalls mein Eindruck. Sie berichtet nur: Alles vermietet. Ich würde das am liebsten verballhornen und dagegensetzen: Alles vernietet. Stimmt allerdings nicht. Im selben Stil soll es ja städtebauchlich weitergehen... Raimund Vollmer

Sonntag, 21. Mai 2017

Stattmilieu: Im Quartier der Schachteln







Sie haben nun das Sagen in unserer Stadt - die Flachdachbauten rund um die Stadthalle. Ob sie Reutlingen tatsächlich jenes Ambiente geben, das notwendig ist, um sich eine großstädtische Silhouette zu geben, ist sicherlich eine Frage, über die sich trefflich streiten lässt. Tatsache scheint jedenfalls zu sein, dass unser aller Goethe doch Recht hatte, als er mal meinte, dass die Architektur jene Kunst sei, die der Macht am nächsten stünde - sei es nun öffentliche oder wirtschaftliche Macht. Was verschwindet, was man jetzt oder in wenigen Jahren noch bitter bereuen wird, dessen Fehlen auch der neue Begriff des Quartiers nicht kompensieren kann, das ist der Begriff des Milieus. Ich glaube, dass ich da nicht ganz falsch liege, wenn ich behaupte, dass der Begriff des Milieus selbst bereits aus unserem Wortschatz verschwunden ist oder klinisch hinweggentrifiziert wird - und wir mit unserer Kritik an der Stadt hier im BILDERTANZ exakt dies meinen. Dem Ensemble der "Tonne", deren Neubau wir - Roland, Werner und ich - gestern besichtigen konnten, wird genau das fehlen - das Milieu der Planie. Das ist übrigens keine Kritik an der neuen "Tonne", die ja nun auch eine Schachtel ist - auch ihre Spiegelwand wird in ihrer tausendfachen Projektion der Umgebung uns das nicht widergeben können, was wir über alle rechteckig verpflasterten Plätze und Schachteln hinweg vermissen werden: eben dieses Milieu. Raimund Vollmer
 Bildertanz-Quelle: RV